ALG I Verlängerung ist durch II
Es mag auf den ersten Blick unsozial klingen, wenn ich mich gegen eine ALG1-Verlängerung ausspreche. Dem ist aber nicht so. Ganz im Gegenteil denke ich, dass das Hauptproblem in der Interpretation der von vielen liebgewonnenen Floskel “soziale Gerechtigkeit” liegt.
Soziale Gerechtigkeit ist in meinen Augen nicht dadurch gekennzeichnet, dass der Staat grundsätzlich und immer seine Einwohner finanziell versorgt. Vielmehr ist es in meinen Augen Aufgabe des Staates, für alle seine Einwohner die Rahmenbedingungen für die selbständige finanzielle Absicherung zu setzen. Inwiefern diese Grundvoraussetzung derzeit gegeben ist, steht auf einem anderen Blatt. Im Zusammenhang mit der Fragestellung, ob die ALG1-Verlängerung sozial gerechtfertigt ist, spielt dies erst mal nur eine untergeordnete Rolle.
Die ALG 1-Verlängerung hört sich natürlich gut an. Ältere Arbeitnehmer sollen in Zukunft länger in den Genuss der ALG1-Zahlungen kommen. Immerhin haben sie auch schon länger als jüngere Arbeitnehmer eingezahlt. Da ist es auf den ersten Blick doch nur (sozial) gerecht, ihnen diese Zahlungen zu gewähren.
Diese Sichtweise hat durchaus eine gewisse Richtigkeit, nur leidet sie entschieden unter ihrem kurzsichtigen Horizont.
Um nicht beim Urschleim anzufangen, sei nur noch mal kurz darauf hingewiesen, dass es Rot-Grün war, die damals die Kürzung der ALG1-Zahlungen abgesegnet hat. Und selbst gestandene Liberale und Konservative mussten in der jüngeren Vergangenheit zugeben, dass diese kleine Entscheidung der sozialen Parteien SPD und Grüne im großen Rahmen der Agenda 2010 in den letzten Jahren positive Auswirkungen auf die Arbeitsmarktsituation der älteren Arbeitnehmer offenbart hat.
Eine längere Bezugszeit führe dazu, „dass Menschen potenziell später in Beschäftigung kommen“, sagte BA-Vorstandsmitglied Raimund Becker. Die 2003 verkürzte Bezugszeit von einst 32 Monaten Arbeitslosengeld I habe einen positiven Effekt gehabt, sagte Becker. „Die Anzreizmechanismen, dass Menschen früher beginnen, sich um Beschäftigung zu kümmern, haben gewirkt.“ Der Zuwachs der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung um fast 600 000 Stellen binnen Jahresfrist komme zu zwei Dritteln den Älteren zugute. (Quelle)
Ist es sozial ungerecht, wenn ältere Arbeitnehmer wieder in Arbeit kommen? Ist es nicht genau das, was wir wollen. Arbeit für diejenigen, die Lust haben aufs Arbeiten, die darauf Lust haben, über dem Niveau der Sozialhilfe zu leben?
Selbstverständlich bereitet das Bild des seit 30 Jahren einzahlenden Arbeitnehmers, der mit der plötzlichen Arbeitslosigkeit nur noch 1 Jahr ALG1 bekommt, unbehagen. Sollte er nach einem Jahr keine Arbeit gefunden haben, rutscht er auf das gleiche Niveau ab, wie eine Person, die eh und je nie gearbeitet und damit nie eingezahlt hat. Das ist in der Tat nicht gerecht!
ABER:
Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigten, dass die langen ALG-Zahlungen, wie sie vor 2003 üblich waren, schamlos vom ach so gescholtenen Bürger, teils sogar in Zusammenarbeit mit ihren Arbeitgebern, ausgenutzt worden sind.
Einerseits seien noch mal die Anreizwirkungen erwähnt: Ich lasse mir einfach mehr Zeit mit der Arbeitssuche. Und ist es sozial gerecht, dass der einzahlende Arbeitnehmer, diese Faulheit finanziert?
Andererseits sei darauf hingewiesen, dass ältere Arbeitnehmer regelmäßig ihre Frühverrentung mit den ALG1-Zahlungen finanziert haben. Ein Arbeitnehmer, der sich (unter den üblichen Abzügen) mit der Rente ab 60 Jahren zufrieden gab, konnte ohne große finanzielle Verluste mit 57,5 Jahren in Rente gehen. Die fehlenden 32 Monate wurden durch die ALG1-Zahlungen gedeckt. Ist es sozial gerecht, wenn der einzahlende Arbeitnehmer mit Familie diese Frühverrentung finanziert? Ist es gerecht, wenn der Arbeitgeber deshalb keine Skrupel hat, seine älteren Arbeitnehmer früher zu entlassen, da diesem dadurch kaum Nachteile entstehen?
Kann vor diesem Hintergrund der Rückschritt zu ähnlichen Verhältnissen, wie vor dem Jahr 2003, als sozial gerecht eingestuft werden? Die Lasten dieser Entscheidung trägt einzig und allein der steuerpflichtige Arbeitnehmer, der das schamlose Verhalten der älteren Arbeitnehmer und Arbeitgeber zahlt.
In der bisherigen Betrachtung wurden weiterreichende Probleme mit der ALG-Verlängerung noch außer Acht gelassen. Erst im nächsten Beitrag werde ich der Übersichtlichkeit halber noch ein paar Worte zur finanziellen Auswirkung auf den Staatshaushalt und die damit verbundenen Einschränkungen der Möglichkeiten zur Finanzierung von Arbeit (nicht Arbeitslosigkeit!) schreiben.
Kommentare dann bitte erst unter dem nächsten Artikel!
Kommentar jetzt: Du hast den Sachverhalt vollkommen zutreffend geschildert. Mir stellt sich immer nur die Frage, warum die Politiker nicht so weit denken (wollen). Ist es denen wirklich egal, daß sie der Volkswirschaft mit ihrer populistischen Wahltaktik schaden? Der Franz wußte schon, warum er das Handtuch geworfen hat. Ich bin übrigens schon vor vielen Jahren aus der SPD ausgetreten, weil es selbst auf Ortsvereinsebene nicht um die Sache sondern nur um die Pöstchen ging.
Der andere Artikel dauert auch noch eine Weile. Von daher ist doch besser, hier schon zu dem Geschriebenen zu antworten :-)
Ja, es geht wohl nur um die Wahlen. Von der Koalition ist kaum noch was zu erwarten. Ich habe heute irgendwo auf FAZ.NET sinngemäß gelesen, dass die SPD jetzt Frau Merkel nicht mehr mit Samthandschuhen anfassen möchte. Das heißt wohl “Willkommen im Wahlkampf”!
[...] vorherigen Beitrag erläuterte ich, warum die ALG1-Verlängerung nichts mit sozialer Gerechtigkeit zu tun hat. [...]
Wie ist denn nun der letzte Stand? Das Kabinett hat doch beschlossen. Soll es nun rückwirkend zum 01.10.2008 gelten? Bleibt es bei den 24 Monaten für ältere Arbeitnehmer über 58 und 18 Monate für über 55ig Jährige
Wann wird der Bundestag beschließen?.Von wem kann man eine Auskunft bekommen?
Ruhland,den09.01.2008
Durch die Verkürzung von ALG 1 werden die älteren Arbeitsnehmer genötigt, Arbeiten anzunehmen, die unseren Staat nicht fördern, sondern im höchsten Maß schädigen.
Sie verdienen so wenig,so daß kaum Steuern gezahlt werden.
Auch in die Rente wird dementsprechend wenig eingezahlt und bei der Krankenversicherung wirds auch nicht anders aussehen, deshalb kann auch jeder drauf warten wann die nächste Beitragserhöhung kommt.
Die Vorverrentung dient auch nur der Rentenreduzierung, sodaß unsere Rentner später sehr arm sein werden.
Durch die Zeitarbeitsfirmen stiehlt man sich aus der sozialen Pflicht der älter werdenden Generation gegenüber und stellt ein wenn man einen Hilfsjob hat und entläßt wenn dieser beendet ist mit 2tägiger Kündigungsfrist.
Dies schrieb euch ein Elektrotechniker, der für 7,15Euro Brutto von der AfA nahegelegt bekam, es anzunehmen den es sei besser als nichts.