Ich mache noch Diplom!

Gesellschaft,Politik,Wirtschaft | 7. Juli 2007

So oder so ähnlich wird in letzter Zeit unter den Studenten älteren Semesters daraufhin gewiesen, dass man ja noch einen Diplomstudiengang belegt. Zum einen kommt in der Aussage ein gewisser Stolz zum Vorschein, zum anderen allerdings auch schon erste Erklärungsnöte, da die jüngeren Jahrgänge einen verdutzt anschauen, wenn man nicht “auf” Bachelor studiert oder womöglich schon den Master “hinten dranhängt.”

Viel zu Spät schreibe ich diesen Artikel. Dass das angelsächsische Ausbildungssystem also im Zuge der europäischen Harmonisierung in Deutschland eingeführt wird, ist längst nicht mehr aufzuhalten. Und gleich dieser Satz bedeutet zweierlei Verwirrung.

1.
In ganz Deutschland, gar Europa, wird also so richtig harmonisiert? Natürlich nicht! Wer in Köln Physik studieren möchte, fängt mit dem ersten berufsqualifizierenden Abschluss an, dem Bachelor of Science. Denn deswegen gibt es den ja, damit man nach drei Jahren schon was “in der Tasche hat.” Hoffentlich arbeitet keiner der “Physik-Bachelor-Inhaber” dann in einem Atomkraftwerk! An der Universität Magdeburg kann man auch Physik studieren. Allerdings stecke ich dann lieber deren Abgänger in fünf Jahren ins Krümel, wenn es mal wieder Ärger macht. Immerhin können die Magdeburger Studenten dieses Wintersemester noch einen Diplomstudiengang beginnen. Also alles total harmonisch wie man sieht!

2.
Wir führen also das angelsächsische Ausbildungssystem im Rahmen des Bologna-Prozesses ein. Das mag ja für den einen oder anderen richtig innovativ klingen. Nicht zuletzt der super spannenden und wohlklingenden englischen Bezeichnungen der Studiengänge wegen. Dumm nur, dass das alles gar nicht so innovativ ist. Ich meine jetzt weniger die Qualität der Ausbildung, obwohl sich darüber sicherlich trefflich streiten ließe, sondern die Tatsache, dass wir nun etwas übernehmen oder besser kopieren, dass die Angelsachsen im 19. Jahrhundert von uns kopiert haben. Ihre “universitäre” Lehre kannte bis dato nämlich keine vertiefte Ausbildung wie das Diplom, sondern nur die grundständige Ausbildung des Bachelors. Das Resultat kennen wir jetzt, die Kopie des Diploms, der Master. Und wir kopieren den jetzt zurück. Toll!

Eben wollte ich mich noch mal vergewissern, ob man wenigstens noch in Germanistik einen Magister macht. Fehlanzeige. In Leipzig kann man mit einem Bachelor of Arts (B.A.) oder einem Master of Arts (M.A.) das Studienfach Germanistik abschließen. Nur noch mal zur Verdeutlichung ein Zitat der Studienbeschreibung:

Gegenstand der Germanistik sind die deutsche Sprache und die deutschsprachige Literatur.

Schöne neue Welt.

3 Kommentare »

  1. Ich weiß nicht warum wir Deutschen uns immer am unteren Niveau orientieren müssen. Ich finde, daß der Diplomstudiengang der weitaus bessere Ausbildungsweg war.

    Kommentar von Holger Ehrlich — 7. Juli 2007 @ 13:49
  2. Was solls… Solange die Inhalte die Selben bleiben! Völlig egal wie man es nennt.
    Zu Krümel:
    Hab mich unter http://www.klimaschuetzer.de als Besucher angemeldet und auf der Werksbesichtigung nen kleinen Branbsatz gelegt. Und jetzt rate mal in welchem AKW ich noch war…

    Gruss,

    STP

    Kommentar von STPreis — 9. Juli 2007 @ 20:17
  3. [...] Zugegebenermaßen war auch ich damals nicht zugegen. Und das obwohl ich strikt gegen die Einführung von Studiengebühren war (bin). Dass das allerdings ein Zeichen hochschulpolitischen Desinteresses meinerseits ist, kann ich klar verneinen. Ganz im Gegenteil habe ich mich immerhin schon mal über den Bologna-Prozess ausgekotzt. [...]

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