Wir sind Biedermeier

Gesellschaft | 28. Juni 2006

Die Geschichte von den Zyklen der Geschlechterrollen und -kulturen schwebte mir schon länger im Kopf rum. In den letzten Tagen hatte ich viel Zeit zum Surfen, so als gute Alternativbeschäftigung zum Lernen. Dabei fiel mir mal wieder auf der Online-Community unserer Uni auf, dass die meisten Mädchen den Status rot haben. Wir haben hier so ein tolles Ampelsystem. Es hat sich nämlich gezeigt, dass die eigentlich für Studienunterlagentausch initiierte Community auch gerne als Flirtforum benutzt wird. Grüne, sind für alles offen, Gelbe sind eventuell zu überzeugen und bei Roten, darf man nicht mal drandenken.
Der Status Quo sieht also rot: Willkommen im Biedermeier!

War die Universität vor langer Zeit, wenn nicht der Ort sexueller Ausschweifungen, so doch zumindest der Platz an dem man sich dazu verabredet hat. “Kommune I oder II heute Abend?”, mehr Kommunikation war nicht nötig. Und wo stehen wir heute? Auf jeden Fall ganz Woanders. Dass deutsche Studenten so gut wie frei von Idealen und Revoluzzergebaren ihre Unizeit absitzen, ist schon nicht unbedingt ein gutes Zeichen. Dass sie aber auf freie Liebe verzichten und beispielsweise lieber mit ihrem Schulfreund aus der 11. Klasse zusammen bleiben - da weiß man wenigstens was man hat - macht mir schon ein bisschen Angst. Ja, wir sind schon tolle Akademiker. Erst nicht üben wollen und dann später keine Kinder kriegen! Veränderung, politisch oder beziehungsmäßig, ist nicht gerade eine Stärke unserer Studentengeneration.
Nur darf man uns einen Vorwurf machen, sprechen nicht Ökonomen von den unausweichlichen Konjunkturzyklen? Wenn dies auch für die oben genannten anderen Zyklen gilt, weiß ich schon was als nächstes kommt. Aber kurz der Reihe nach…
Der Krieg ist endlich vorbei und man darf sich wieder den schönen Dingen des Lebens zuwenden. Wir befinden uns in den 1950igern. VW Käfer, Heimfernsehgerät und Italienurlaub, dafür geht der deutsche Mann arbeiten. Und von der miefigen Fabrikhalle ging es direkt weiter ins miefige, spießige aber dafür eigene Heim. Frau wartete ja schon sehnsüchtig und Miele-Haushaltsgeräte halfen ihr dabei, den Feierabend des Mannes möglichst sorgenfrei zu gestalten. Ach war das damals schön, schön heimelig. Kleines Glück ganz groß, Biedermeier in reinster Form und Politik interessierte auch kaum jemanden, es lief ja alles.
Wir befinden uns in den 1960igern. Eine neue, andere Generation wächst heran. Politisch ambitioniert und fern jeder Spießigkeit manifestieren sich die Unterschiede zur Vorgeneration schließlich nicht nur auf der Straße, sondern auch im Bett. Kommune I und II sind aktuell, die Frauenbewegung kommt in Schwung und erste Unsicherheiten bei den Männern machen sich breit. Während nämlich Frauen mit rituellen BH-Verbrennungen auf ihre neue Weiblichkeit aufmerksam machen, reagieren Männer kontrarevolutionär mit langer Haarpracht. Die Rollenverteilung kommt ins Schwanken.
Wir sind in den 1970er Jahren. Disko kommt groß in Mode und Tanzen wird sogar unter Männern salonfähig. Was ist nur aus uns geworden? So richtig spannend wird es dann aber nicht mehr. Die freie Liebe wird weiterhin praktiziert und die Haare der Männer sind immer noch nicht wesentlich kürzer, sofern man nicht zur langsam aufkeimenden Subkultur Skinhead gehört. Was in den späten 1970igern beginnt, wird dann erst im folgenden Jahrzehnt richtig spannend.
Umweltbewusstsein, Fitnesswelle und verschiedenste Jugendbewegungen sind nur ausgesuchte Merkmale der 1980iger. Die Emanzipation der Frau schreitet voran und der Mann versucht sich damit zu arrangieren. Freie Liebe und Sexualität bleiben ein bisschen auf der Strecke oder sind zumindest nicht mehr ausgeprägtes Leitbild der Popper, Punker und Normalos. Zumindest bei den Heteros. Denn was in den 1980igern auch so richtig Populär wird, ist schwul sein und vor allem das dazugehörige coming out. Ganz Konsequenz frei bleibt das natürlich nicht, also für die männlichen Heten. Von Schwulen gemachte Musik zu hören ist die eine Sache - es gab ja kaum was anderes -, aber von der Frau zu hören, wie toll durchtrainiert die sind und wie fantastisch die doch Tanzen können die andere. Und wahnsinnig sympathisch waren die ja sowieso. Das hat natürlich weiterreichende Folgen.
Die 1990iger Jahre werden somit zum endgültigen Umerziehungsjahrzehnt der Männer und der Rollentausch gewinnt richtig an Fahrt. Während Frauen bevorzugt in Männerberufe streben und den Männern zeigen was sie können, strampelt sich Mann für den perfekten Körper Body im Fitnessstudio ab. Also nichts mehr mit Wohlstandsbauch der 1950iger. Eben mal mit den Kumpels in die Kneipe gehen ist mittlerweile auch verpöhnt. Und wenn, dann bitte nur mit passendem Oberteil zu den Schuhen, perfekter Maniküre, Babypopohaut, stylischer Kurzhaarfrisur und nicht zu vergessen rasierter Brust und Achseln. Das hat sich Mann ja mittlerweile abgeguckt und wird damit, sofern er alles richtig gemacht hat, zum metrosexuellen Idealmann der Frau. Doch trotz dieser überaus aufgeklärten Entwicklung der Geschlechterrollen, kann man die 1990iger nicht gerade als das Jahrzehnt der freien Liebe bezeichnen. Irgendwie hat man sich lieber mit der Theorie beschäftigt als mit der Praxis, sprich, man redete lieber drüber. Konnte man den Sendungen Wa(h)re Liebe und Liebe Sünde noch einen gewissen Unterhaltungswert abgewinnen, verging einem bei Peep wirklich jede Lust.
Und heute in den ersten Zehn des neuen Jahrtausends stehen wir wieder da, wo wir vor fünfzig Jahren aufgehört haben. Frau liebt wieder ihren brustbehaarten Macho, während sich der in den 1990igern weichgespülte Mann immer noch fragt, warum sie nicht mit ihm schläft, obwohl er doch immer den Wasserkasten hochträgt und die Bude quasi nebenbei saniert. Wurde früher von Frauen vehement bestritten, dass sie nicht einparken können, akzeptieren sie heute sogar, dass Männer nicht zuhören. In Samstag Abend (!) Fernsehsendungen erklärt Günther Jauch dem hocherstauntem Zuschauer die lange in Vergessenheit geratenen Eigenarten der Geschlechter. Mit strahlenden Augen erfährt dort der Jens, dass er gar nichts dafür kann, wenn er etwas im Schrank nicht findet. Daran ist nämlich der Tunnelblick schuld, wegen der Jagd und so. Und weil das mit der Jagd irgendwie sexy ist, knuddelt ihn die Petra sogar dafür. Und Jens weiß endlich, warum ihm Petra immer die Ohren abkaut. Das ist nämlich diese berühmt berüchtigte Kommunikationsfähigkeit, tief drinnen in den Genen der Frauen, damals als fleissige Sammlerin antrainiert. Das findet Jens dann auch irgendwie süß, und wir haben es wieder, das kleine feine Beziehungsglück. Willkommen im Biedermeier!

Und wenn das jetzt alles so stimmt mit den Zyklen der Geschlechterrollen und -kulturen, kann man aus oben beschriebenen Kreislauf wunderbar ablesen, was als nächstes passieren wird. Genau, freie Liebe und Sexualität werden wieder richtig populär. Nur so richtig Freude will trotzdem nicht aufkommen, denn auf der Uni werde ich dann nicht mehr sein…

Anonymes

Bloggen | 22. Juni 2006

Wenn Fräulein Wunder schon in den Kommentaren nach meinem Befinden fragt und sie mir sogar noch ein Stichwort gibt, dann kann ich echt mal wieder was schreiben. Auch wenn es etwas sein wird, was ich eigentlich vermeiden wollte:
Anstatt ehrlich und aufrichtig zu bloggen, einfach nur mal so über das Bloggen zu bloggen zu schreiben. Immerhin ist es nicht eben ein Zeichen überquellender Kreativität, aber mein Leben gibt im Moment nichts anderes her, also eigentlich, aber dazu später mehr.

Es gibt verschiedene Arten zu bloggen. Ganz anonym oder mehr oder weniger öffentlich. Ich habe mich ausversehen irgendwie für die letzte Methode entschieden, Fräulein Wunder glaubt, für die erste. Hat sie aber nicht, zumindest in meiner Definition.
Wie auch immer, es hat beides seine Vor- und Nachteile und ich werde einige jetzt mal ganz öffentlich gegeneinander Abwägen.

Ich schreibe im Moment nicht viel und das liegt nicht einzig in mangelnder Kreativität oder Laune begründet. Neben anderen Gründen, liegt es nämlich auch daran, dass ich eben nicht anonym schreibe. Ganz im Gegenteil habe ich die Vorteile den Vorteil des öffentlichen Schreibens, depp wie ich war, schamlos ausgenutzt. Man kann nämlich jedem, den man halbwegs kennt, seine Adresse geben aufdrängeln. Die besten Freunde wissen natürlich als erstes bescheid und sogar Mama und Papa bekommen den Link. Als Sahnehäubchen gibt man dann noch seinem emotionalen Ballast, auf dem man irgendwie immer noch scharf ist, den Link und der vermeintliche Bloggerhimmel ist perfekt. Alle wissen bescheid, und die müssen einem doch jetzt die Bude einrennen, wollen sie doch unbedingt an deinem Leben und deinen Gedanken teilhaben. Sind doch deine Freunde und deine Familie, das bringt bestimmt schon mal ein paar Hits. Also dem einzigen Sinn und Zweck des Bloggens, aber das ist ein andere Geschichte.
Fulminanter Nachteil des oben beschriebenen öffentlichen Bloggens - von der Tatsache, dass jeder top level domain immer der Inhaber und oft der Blogger zugeordnet werden kann abstrahiere ich jetzt mal - ist aber, dass ich mich damit selber ungemein beschränke. Eben mal über die Macken eines guten Freundes schreiben? So was kann schnell böse aufstoßen. Ganz banale Alkohol- und Drogenexzesse, die man bekanntlich als Student täglich erlebt, machen unter Umständen Mama nervös. Aufregende Sexorgien, die vielleicht bestens zur Unterhaltung beitragen könnten, sind auch Fehl am Platz. Mama wird noch nervöser, Papa geht wieder an die Uni und bezahlt einem das Auto nicht mehr, Freunde werden wegen fehlender Einladung sauer und der emotionale Ballast spricht nie wieder ein Wort mit einem. Alles also nicht so wahnsinnig toll!
Die Nachteile des öffentlichen Schreibens und damit der Vorteil des wirklich anonymen Schreibens liegen somit klar auf der Hand. Schnelle Anfanghits durch Freunde und Familie verblassen nämlich zahlenmäßig schnell im Vergleich zu dem, was man erwarten kann, wenn man die Wörter Drogen, Alkohol, Sex und spannende Substitute ohne falsche Bescheidenheit möglichst häufig in herrlich anonymen Beiträgen fallen lässt (Lernt von der Bloggerette). Und wenn man dann noch geschickt Beiträge anderer Blogger in eigene integriert, ja, dann ist man dem wahren Bloggerhimmel schon ganz nah!

Get Adobe Flash playerPlugin by wpburn.com wordpress themes
This work is licensed under a Creative Commons Attribution-Noncommercial-Share Alike 3.0 Unported License.
(c) 2010 Tresenthesen | powered by WordPress with Barecity