Wir sind Biedermeier
Die Geschichte von den Zyklen der Geschlechterrollen und -kulturen schwebte mir schon länger im Kopf rum. In den letzten Tagen hatte ich viel Zeit zum Surfen, so als gute Alternativbeschäftigung zum Lernen. Dabei fiel mir mal wieder auf der Online-Community unserer Uni auf, dass die meisten Mädchen den Status rot haben. Wir haben hier so ein tolles Ampelsystem. Es hat sich nämlich gezeigt, dass die eigentlich für Studienunterlagentausch initiierte Community auch gerne als Flirtforum benutzt wird. Grüne, sind für alles offen, Gelbe sind eventuell zu überzeugen und bei Roten, darf man nicht mal drandenken.
Der Status Quo sieht also rot: Willkommen im Biedermeier!
War die Universität vor langer Zeit, wenn nicht der Ort sexueller Ausschweifungen, so doch zumindest der Platz an dem man sich dazu verabredet hat. “Kommune I oder II heute Abend?”, mehr Kommunikation war nicht nötig. Und wo stehen wir heute? Auf jeden Fall ganz Woanders. Dass deutsche Studenten so gut wie frei von Idealen und Revoluzzergebaren ihre Unizeit absitzen, ist schon nicht unbedingt ein gutes Zeichen. Dass sie aber auf freie Liebe verzichten und beispielsweise lieber mit ihrem Schulfreund aus der 11. Klasse zusammen bleiben - da weiß man wenigstens was man hat - macht mir schon ein bisschen Angst. Ja, wir sind schon tolle Akademiker. Erst nicht üben wollen und dann später keine Kinder kriegen! Veränderung, politisch oder beziehungsmäßig, ist nicht gerade eine Stärke unserer Studentengeneration.
Nur darf man uns einen Vorwurf machen, sprechen nicht Ökonomen von den unausweichlichen Konjunkturzyklen? Wenn dies auch für die oben genannten anderen Zyklen gilt, weiß ich schon was als nächstes kommt. Aber kurz der Reihe nach…
Der Krieg ist endlich vorbei und man darf sich wieder den schönen Dingen des Lebens zuwenden. Wir befinden uns in den 1950igern. VW Käfer, Heimfernsehgerät und Italienurlaub, dafür geht der deutsche Mann arbeiten. Und von der miefigen Fabrikhalle ging es direkt weiter ins miefige, spießige aber dafür eigene Heim. Frau wartete ja schon sehnsüchtig und Miele-Haushaltsgeräte halfen ihr dabei, den Feierabend des Mannes möglichst sorgenfrei zu gestalten. Ach war das damals schön, schön heimelig. Kleines Glück ganz groß, Biedermeier in reinster Form und Politik interessierte auch kaum jemanden, es lief ja alles.
Wir befinden uns in den 1960igern. Eine neue, andere Generation wächst heran. Politisch ambitioniert und fern jeder Spießigkeit manifestieren sich die Unterschiede zur Vorgeneration schließlich nicht nur auf der Straße, sondern auch im Bett. Kommune I und II sind aktuell, die Frauenbewegung kommt in Schwung und erste Unsicherheiten bei den Männern machen sich breit. Während nämlich Frauen mit rituellen BH-Verbrennungen auf ihre neue Weiblichkeit aufmerksam machen, reagieren Männer kontrarevolutionär mit langer Haarpracht. Die Rollenverteilung kommt ins Schwanken.
Wir sind in den 1970er Jahren. Disko kommt groß in Mode und Tanzen wird sogar unter Männern salonfähig. Was ist nur aus uns geworden? So richtig spannend wird es dann aber nicht mehr. Die freie Liebe wird weiterhin praktiziert und die Haare der Männer sind immer noch nicht wesentlich kürzer, sofern man nicht zur langsam aufkeimenden Subkultur Skinhead gehört. Was in den späten 1970igern beginnt, wird dann erst im folgenden Jahrzehnt richtig spannend.
Umweltbewusstsein, Fitnesswelle und verschiedenste Jugendbewegungen sind nur ausgesuchte Merkmale der 1980iger. Die Emanzipation der Frau schreitet voran und der Mann versucht sich damit zu arrangieren. Freie Liebe und Sexualität bleiben ein bisschen auf der Strecke oder sind zumindest nicht mehr ausgeprägtes Leitbild der Popper, Punker und Normalos. Zumindest bei den Heteros. Denn was in den 1980igern auch so richtig Populär wird, ist schwul sein und vor allem das dazugehörige coming out. Ganz Konsequenz frei bleibt das natürlich nicht, also für die männlichen Heten. Von Schwulen gemachte Musik zu hören ist die eine Sache - es gab ja kaum was anderes -, aber von der Frau zu hören, wie toll durchtrainiert die sind und wie fantastisch die doch Tanzen können die andere. Und wahnsinnig sympathisch waren die ja sowieso. Das hat natürlich weiterreichende Folgen.
Die 1990iger Jahre werden somit zum endgültigen Umerziehungsjahrzehnt der Männer und der Rollentausch gewinnt richtig an Fahrt. Während Frauen bevorzugt in Männerberufe streben und den Männern zeigen was sie können, strampelt sich Mann für den perfekten Körper Body im Fitnessstudio ab. Also nichts mehr mit Wohlstandsbauch der 1950iger. Eben mal mit den Kumpels in die Kneipe gehen ist mittlerweile auch verpöhnt. Und wenn, dann bitte nur mit passendem Oberteil zu den Schuhen, perfekter Maniküre, Babypopohaut, stylischer Kurzhaarfrisur und nicht zu vergessen rasierter Brust und Achseln. Das hat sich Mann ja mittlerweile abgeguckt und wird damit, sofern er alles richtig gemacht hat, zum metrosexuellen Idealmann der Frau. Doch trotz dieser überaus aufgeklärten Entwicklung der Geschlechterrollen, kann man die 1990iger nicht gerade als das Jahrzehnt der freien Liebe bezeichnen. Irgendwie hat man sich lieber mit der Theorie beschäftigt als mit der Praxis, sprich, man redete lieber drüber. Konnte man den Sendungen Wa(h)re Liebe und Liebe Sünde noch einen gewissen Unterhaltungswert abgewinnen, verging einem bei Peep wirklich jede Lust.
Und heute in den ersten Zehn des neuen Jahrtausends stehen wir wieder da, wo wir vor fünfzig Jahren aufgehört haben. Frau liebt wieder ihren brustbehaarten Macho, während sich der in den 1990igern weichgespülte Mann immer noch fragt, warum sie nicht mit ihm schläft, obwohl er doch immer den Wasserkasten hochträgt und die Bude quasi nebenbei saniert. Wurde früher von Frauen vehement bestritten, dass sie nicht einparken können, akzeptieren sie heute sogar, dass Männer nicht zuhören. In Samstag Abend (!) Fernsehsendungen erklärt Günther Jauch dem hocherstauntem Zuschauer die lange in Vergessenheit geratenen Eigenarten der Geschlechter. Mit strahlenden Augen erfährt dort der Jens, dass er gar nichts dafür kann, wenn er etwas im Schrank nicht findet. Daran ist nämlich der Tunnelblick schuld, wegen der Jagd und so. Und weil das mit der Jagd irgendwie sexy ist, knuddelt ihn die Petra sogar dafür. Und Jens weiß endlich, warum ihm Petra immer die Ohren abkaut. Das ist nämlich diese berühmt berüchtigte Kommunikationsfähigkeit, tief drinnen in den Genen der Frauen, damals als fleissige Sammlerin antrainiert. Das findet Jens dann auch irgendwie süß, und wir haben es wieder, das kleine feine Beziehungsglück. Willkommen im Biedermeier!
Und wenn das jetzt alles so stimmt mit den Zyklen der Geschlechterrollen und -kulturen, kann man aus oben beschriebenen Kreislauf wunderbar ablesen, was als nächstes passieren wird. Genau, freie Liebe und Sexualität werden wieder richtig populär. Nur so richtig Freude will trotzdem nicht aufkommen, denn auf der Uni werde ich dann nicht mehr sein…